Nachhaltigkeit
Impulse für nachhaltige Städte und Gemeinden aus der Zentralschweiz
Der Schweizerische Fischerei- Verband (SFV) hat die Elritze zum Fisch des Jahres 2026 gewählt. Damit rückt ein kleiner, oft übersehener Fisch ins Zentrum der Aufmerksamkeit – und mit ihm neue wissenschaftliche Erkenntnisse, welche die Biodiversität in unseren Gewässern besser zu verstehen hilft.
Die Elritze ist in der Schweiz keineswegs selten. In zahlreichen Bergseen kommt sie in grossen Schwärmen vor. Gleichzeitig ist sie aus vielen Bächen, Flüssen und Seen verschwunden. Dieser scheinbare Widerspruch hat Forschende lange beschäftigt. Dank moderner genetischer Untersuchungen lässt sich dieses Rätsel nun besser erklären: In der Schweiz lebt nicht nur eine Elritzenart, sondern mindestens vier verschiedene – mit ganz unterschiedlichen Lebensraumansprüchen. Auch wenn der Name «Elritze» vielen Menschen nicht geläufig ist, gehört der kleine braune Fisch zu den bekannteren Arten unserer Gewässer. In Mundart ist die Elritze auch unter Namen wie «Butzli», «Olritzli » oder «Bameli» bekannt. Im Kanton Zug sind die Elritzen nicht so weit verbreitet wie in den übrigen Mittellandkantonen . Es gibt einzelne Vorkommen in der Reuss, der Unteren Lorze oder dem Drälikerbach. Durch Initialbesätze in der Alten Lorze und im Schleifibach sind «neue» Bestände begründet worden. «Die Elritze ist ein wichtiger Bestandteil der natürlichen Fischgemeinschaft in Zuger Gewässern», so Christophe Louise auf Anfrage. Er ist Berufsfischer auf dem Ägerisee. «Sie erfüllt eine wichtige Rolle in der Nahrungskette: Sie dient als Beutefisch für Raubfische wie Forellen oder Hechte und trägt zur Stabilität des Ökosystems bei. Gleichzeitig ist sie ein typischer Vertreter naturnaher, strukturreicher Gewässer.»
Über Jahrzehnte hinweg ging man davon aus, dass in der Schweiz nur eine einzige Elritzenart vorkommt. Diese Annahme galt als gesichert und wurde so auch gelehrt. Neue genetische Analysen zeigen nun jedoch ein ganz anderes Bild: Mindestens vier klar unterscheidbare Elritzenarten leben in unseren Gewässern. Es sind die Italienische und die Französische Elritze, die Donau- Elritze sowie die See-Elritze Noch erstaunlicher ist die Erkenntnis, dass jene Art, die lange als die «klassische» Schweizer Elritze galt, hierzulande gar nicht vorkommt. Besonders neu ist die Entdeckung einer See-Elritze, die in grossen Voralpenseen im Einzugsgebiet von Aare und Rhein lebt. Diese Form unterscheidet sich genetisch und ökologisch deutlich von ihren Verwandten in Bächen oder Quellgebieten. Die neuen Erkenntnisse stammen aus einem Forschungsprojekt der Wyss Academy for Nature. Finanziert wird das Projekt vom Kanton Bern und vom Bundesamt für Umwelt (BAFU), umgesetzt von der Universität Bern und dem Schweizerischen Kompetenzzentrum Fischerei (SKF). Grundlage der Arbeiten sind unter anderem umfangreiche Daten aus den Eawag-Projekten «Projet Lac» und «Progetto Fiumi» sowie gezielte eigene Befischungen und genetische Analysen. Die Forschenden konnten zeigen, dass jede der vier Elritzenarten an einen ganz bestimmten Lebensraum angepasst ist – von kühlen Quellbächen über strukturreiche Fliessgewässer bis hin zu grossen Voralpenseen. Genau diese Spezialisierung macht sie jedoch auch besonders anfällig für Veränderungen ihres Lebensraums.
«Die neue Erkenntnis», so Christophe Louise,» dass mehrere Elritzenarten mit unterschiedlichen ökologischen Ansprüchen existieren, stellt den Gewässerschutz vor neue Herausforderungen. Schutz- und Revitalisierungsmassnahmen müssen künftig differenzierter geplant werden. Ein Lebensraum, der für eine Elritzenart geeignet ist, kann für eine andere ungeeignet sein. Für den Kanton Zug bedeutet das, dass lokale Gewässer genauer untersucht und Massnahmen gezielter umgesetzt werden müssen.» Die Entdeckung mehrerer Elritzenarten hat weitreichende Konsequenzen für den Gewässer- und Artenschutz. Sie zeigt, dass die biologische Vielfalt in Schweizer Gewässern deutlich grösser ist als bisher angenommen. Gleichzeitig wird klar: Diese Vielfalt ist auch stärker bedroht, als man lange glaubte. Arten, die wissenschaftlich noch nicht eindeutig erfasst oder voneinander unterschieden sind, können kaum gezielt geschützt werden. Ihre Lebensraumansprüche bleiben unerkannt – mit potenziell fatalen Folgen. Die neue Forschung wirft deshalb die unbequeme Frage auf, wie viele Arten sind in der Vergangenheit bereits verschwunden, ohne dass wir sie je als eigenständige Arten erkannt haben?
Elritzen gehören zur artenreichen Familie der Karpfenfische und sind deren nördlichste Vertreter. Dank ihrer hohen Anpassungsfähigkeit haben sie ein enormes Verbreitungsgebiet erobert, das sich von Irland bis an die Grenze zwischen China und Russland erstreckt. Dass trotz dieser Robustheit in der Schweiz in den letzten hundert Jahren zahlreiche Elritzenpopulationen verschwunden sind, ist ein deutliches Warnsignal. Es zeigt, wie stark die Gewässerlebensräume unter Druck geraten sind und wie sehr ihre ökologische Vielfalt leidet. Zu den Hauptursachen zählen der massive Verlust von Lebensräumen durch die Kanalisierung von Flüssen und Bächen sowie die Eindolung unzähliger kleiner Gewässer. Hinzu kommen Wanderhindernisse wie Schwellen und Wehre, die den Fischen den Zugang zu wichtigen Lebensräumen verwehren. Chronische Belastungen durch Pestizide, Mikroplastik und Medikamentenrückstände verschlechtern die Wasserqualität zusätzlich. Besonders im Mittelland gewinnt zudem der Klimawandel zunehmend an Bedeutung.
Mit der Wahl der Elritze zum Fisch des Jahres 2026 will der SFV auf die oft unterschätzte Bedeutung von Kleinfischarten aufmerksam machen. Sie sind ein unverzichtbarer Bestandteil der Biodiversität, spielen eine zentrale Rolle in der Nahrungskette und dienen als wichtige Bioindikatoren für den Zustand unserer Gewässer. Wenn Elritzen und andere Kleinfische Probleme bekommen oder verschwinden, ist das ein klares Zeichen für grundlegende ökologische Störungen. Diese betreffen letztlich nicht nur einzelne Arten, sondern das gesamte Ökosystem Wasser – und damit auch das Wohlergehen vieler weiterer Fischarten und Wasserlebewesen. Die Elritze steht damit sinnbildlich für eine verborgene Vielfalt unter der Wasseroberfläche und für die dringende Aufgabe, unsere Gewässer besser zu verstehen und wirksamer zu schützen. Christophe Louise weist darauf hin, dass es langfristig naturnahe, gut vernetzte Gewässer mit ausreichend Wasser, Strukturvielfalt und guter Wasserqualität brauche. «Ebenso wichtig ist das Bewusstsein, dass auch kleine und unscheinbare Fischarten schützenswert sind. Politik, Verwaltung und Bevölkerung tragen gemeinsam Verantwortung dafür, dass Gewässer nicht nur genutzt, sondern auch als Lebensräume respektiert und erhalten werden.»
Uwe Guntern
Kleine Fische, grosse Probleme
Nicht nur die Elritzen, sondern zahlreiche weitere Kleinfischarten wie Schmerlen, Gründlinge oder Strömer leiden unter dem krassen Lebensraumverlust in der Schweiz und sind vielerorts verschwunden. Die aktuell grössten Probleme unserer Kleinfische sind:
• Unzählige Wanderhindernisse, die Laichwanderungen und genetischen Austausch verunmöglichen
• Verschlammung und Kolmatierung des Gewässergrunds durch Stauhaltungen und Schwallbetrieb zahlreicher Wasserkraftanlagen • Fehlende strömungsarme Flachwasserbereiche in verbauten und kanalisierten Fliessgewässern
• Mangel an Strukturen (zum Beispiel Totholz) als Schutz vor Fressfeinden sowie die Voraussetzung für vielfältige Lebensräume
• Klimawandel mit Wärmestress und Wassermangel bis zum Austrocknen ganzer Gewässerabschnitte und zunehmender Fischsterben
• Chronische Wasserverschmutzung durch Pestizide und weitere Mikroverunreinigungen sowie Überdüngung vieler Gewässer durch zu viele Nährstoffe.
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