Politik
Alle kantonalen Vorlagen
finden Zuger
Zustimmung
Das Waldschulzimmer bietet Kindern in Steinhausen neue Lern- und Erfahrungsräume. Foto: Fabian Dettling
In Steinhausen steht ein Waldschulzimmer, das Kindern neue Lernwelteneröffnet. Kindergartenlehrer Fabian Dettling erzählt imInterview, warum der Unterricht draussen einzigartig ist, wie Kinder davon profitieren und weshalb sich sogar Regentage lohnen.
Herr Dettling, Sie waren direkt am Aufbau des Waldplatzes beteiligt. Was hat Ihnen persönlich am meisten Freude bereitet bei der Arbeit mit den Kindern und beim Aufbau?
Am meisten hat mich die grosse Motivation der Schülerinnen und Schüler gefreut, die beim Aufbau mit dabei waren. Selbst in den Pausenzeiten wurde ich immer wieder gefragt «Dürfen wir weiter arbeiten?». Aber auch die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Akteuren der Schule und Gemeinde, der Firma «Walden Outdoor», sowie Förster Markus Amhof war bereichernd. Es hat mich gefreut, dass ich mit der Idee eines Waldschulzimmers auf offene Türen gestossen bin. Mit Samuel Geissdörfer und Moira Moor vom Team Looping wurden die pädagogischen Aufgaben auf mehrere Schultern verteilt. Wir merkten schnell, dass wir von unserer pädagogischen Haltung und auch persönlich gut zusammenarbeiten können. Dies ist für ein Projekt absolut entscheidend.
Wie sieht für Sie eine typische Unterrichtsstunde im Wald aus, was unterscheidet sie vom klassischen Klassenzimmer?
Wenn man mit Kindern im Wald oder grundsätzlich ausserhalb des Schulzimmers ist, braucht es als Erwachsener die Musse und Geduld, die Welt durch die Augen der Kinder zu sehen. Bei Kindergartenkinder ist es gerade zu magisch, wie sie die Welt entdecken. Es braucht Zeit und Wille, im Moment zu sein. Die Natur gibt der Klasse den Lernstoff vor. Ich mache ein Beispiel. Als ich im Waldkindergarten gearbeitet habe, hat meine Kindergartenklasse an einem Tag einen toten Grünspecht entdeckt. Mein Programm war nicht mehr wichtig. Ich hatte für den Tag eine Gestaltungsaufgabe mit Naturmaterialien geplant. Doch die Kinder hatten so viele Fragen zu diesem toten Vogel, wollten ihm ein Grab bereiten, suchten Beeren und Blumen, bastelten ein Kreuz. Dem Leben, sowie in diesem Fall dem Tod, muss man Platz geben. Die Gestaltungsaufgabe wurde sehr wohl erfüllt, nur anders als ich gedacht habe. Für mich sind es gerade diese Beobachtungen, offenen Fragen und unverkennbaren Momente, welche Lernen draussen ausmachen.
Welche positiven Effekte beobachten Sie bei den Kindern, wenn der Unterricht draussen im Wald stattfindet?
Die Kinder können sich bewegen und ihre Sinne schärfen. Kinder wollen sich trainieren. Sie kriegen gar nicht genug vom Schaukeln, Drehen und Hüpfen. Das hat auch einen klaren Zweck. Die Kinder trainieren ihre Motorik und Sensorik. Der Wald bietet Raum für Bewegung und im wahrsten Sinne sinnvolle Erfahrungen. Die Kinder sind aber auch aufeinander angewiesen, da Wetter und Jahreszeiten einen grossen Einfluss auf die Gruppe und deren Wohlbefinden haben. Sie lernen füreinander einzustehen und ihren Teil zur Gemeinschaft beitragen. Feuer gibt es nur, wenn alle Holz sammeln. Kein Feuer heisst keine Würste. Einfache Kausalitäten, welche im Alltag der Kinder oft fehlen. Die Liste ist lang. Gerade für Kinder mit besonderen Bedürfnissen und Klassen mit anspruchsvollen sozialen Themen kann der Wald ein optimales Umfeld bieten.
Gibt es besondere Chancen für Kinder, die vielleicht im normalen Unterricht Mühe haben? Wird der Waldplatz auch als Ausweichort für sie genutzt?
Der Wald und die Natur nimmt alle Kinder so auf, wie sie sind. Es gibt keine Wertung. Dies ist sicher eine Chance. Die Natur setzt uns aber auch Grenzen. Gerade das hilft uns Menschen auf dem Boden zu bleiben. Die Schule Steinhausen hat mit dem Angebot Looping eine eigene Lösung für Kinder gefunden, welche für den Moment eine andere Beschulung brauchen. Samuel Geissdörfer und Moira Moor werden das Waldschulzimmer für ihren erlebnispädagogischen Unterricht sicher nutzen. Ziel ist es aber auch, dass möglichst viele Klassen das neue Waldschulzimmer belegen, um allen Kindern den Zugang zum Lernen in der Natur zu ermöglichen. Hier sind natürlich die Lehrpersonen gefragt.
Wie wird der Waldplatz organisatorisch geregelt? Gibt es ein Reservierungssystem oder entscheiden die Lehrpersonen frei, wann sie mit ihrer Klasse in den Wald gehen?
Das Waldschulzimmer kann über das Reservationssystem der Gemeinde Steinhausen reserviert werden. Jede Lehrperson kann sich für ihre gewünschten Lektionen eintragen und erhält den Zugangscode zu einer Schlüsselbox. Mit dem Code hat man Zugang zum vorhandenen Unterrichtsmaterial und der nötigen Ausrüstung. Die Reservierung ist Lehrpersonen vorbehalten. Das Waldschulzimmer soll ein Lernort sein.
Viele Eltern haben Bedenken, wenn Kinder bei Regen oder kaltem Wetter draussen sind. Lohnt sich der Unterricht trotzdem bei jedem Wetter?
Und es gibt immer wieder Kinder, die keine passende Kleidung haben? Der Unterricht lohnt sich immer.
Gerade in herausfordernden Situationen beginnt das Lernen ausserhalb der Komfortzone, welches bekanntlich am effektivsten ist. Die Kinder haben mit dem Wetter viel weniger Probleme als die Erwachsenen, das ist meine persönliche Erfahrung. Gerade in den unteren Stufen wird ein Regentag oft zum Erlebnis. Nie gibt es so viele Gelegenheiten für Rutschen, Schnecken sammeln und Pfützen hüpfen. Zur Ausrüstung kann ich sagen, dass dies oft der entscheidende Faktor für das Gelingen im Outdoor-Bereich ist. Es macht keinen Spass, mit nassen Füssen einen Morgen im Wald zu verbringen. Das Informieren der Eltern und eine gewisse Regelmässigkeit helfen da bestimmt.
Was sind für Sie die Unterschiede in der Lernatmosphäre zwischen einem Waldplatz und dem Klassenzimmer?
Ein Waldschulzimmer kann zum Staunen und Träumen einladen. Dem sollte unbedingt Zeit gegeben werden. Wir lassen den Kindern oft beim Ankommen einen Moment der Stille, um die Geräusche genau zu hören, die Düfte zu riechen oder auch die Sonnenstrahlen durch die geschlossenen Augen wahrzunehmen. Die Kinder spüren sich im Wald deutlich besser.
Gibt es spezielle pädagogische Ziele, die mit dem Waldplatz umgesetzt werden, zum Beispiel Naturbewusstsein, Auseinandersetzung mit einer anderen Umwelt aber auch soziale Kompetenzen?
Alle, die Sie genannt haben. Und viele mehr. Man kann aber auch sehr gut im Wald Rechnen und Schreiben. Es braucht lediglich etwas mehr Phantasie der Lehrperson. Aus Weidenzweigen können tolle Kohlestifte hergestellt werden, mit Tannzapfen kann man Mengenlehre unterrichten und so weiter.
Gab es bisher Rückmeldungen von Eltern, Kindern oder Kolleginnen und Kollegen zum Waldplatz?
Zu unserer Aufbauwoche habe ich viel positives Feedback erhalten vonden Eltern. Die Kinder haben ihre Rückmeldung in Form von «Chani morn au nomol cho?» ausgedrückt und die Kolleginnen und Kollegen haben mitgeholfen die Kinder auszuwählen, welche am Projekt beteiligt gewesen sind. Herzlichen Dank an dieser Stelle.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Waldplatzes sowohl in Bezug auf die Schule Steinhausen als auch auf die Kinder, die ihn nutzen werden?
Ich wünsche mir, dass die Kinder Gelegenheit erhalten, sich selber und ihren Platz in der Welt zu finden. Es kommen einige Herausforderungen auf die nächste Generation zu. Es ist an uns, ihnen den nötigen Halt und Boden zu geben, um sie zu stärken und sie zu selbstwirksamen und verantwortungsvollen Erwachsenen zu machen. Da kann die Natur die nötige Bodenhaftung bieten.
Michael Schwegler
Lade Fotos..